From Die Geschichte des Flugplatz Gütersloh

Artikel: Über den Absturz der Mirage BA19 bei Lette 1985

“Martin, get me out of here!“

von Marcus Herbote, 10.11.2013

28 Jahre und sechs Monate nach seinem Absturz am 8. Mai 1985 an der Kreisstraße 2 zwischen Lette und Beelen besuchte der ehemalige Pilot Commandant (Stabshauptmann) Marcel de Petter seinen ehemaligen Absturzort.

Der Besuch an der Aufprallstelle, an der Stelle wo er mit dem Fallschirm landete und wo die Mirage 5BA auf dem Feld auseinander brach, fand am 8. November 2013 von 10 bis 14 Uhr bei schönstem Wetter statt, die Sonne schien.

Insgesamt 17 Personen besuchten die unterschiedlichen Plätze, 13 der Beteiligten kamen aus der Umgebung und nahmen sich Zeit für de Petter, seine Frau Nicole, den belgischen Armeekameraden Jacques van Lommen und dessen Frau Lutgarde.

In seiner Rede in der Gaststätte Westhoff-Düppmann begrüßte der Pilot alle Zeugen, Beteiligten und die Organisatoren wie auch den Inhaber des Hauses Thomas Westhoff-Düppmann persönlich und dankte ihnen herzlich. In Deutsch, obwohl dem niederländischen und englischen eher mächtig, las er eine teils nachdenkliche, teils lustige Rede vor und bekam danach einen warmherzigen Applaus. Einer der Augenzeugen dankte de Petter ausdrücklich für seine vorausschauende Art, sich den Moment des Ausstiegs auszusuchen und auf unbewohntem Gebiet runter zu gehen.

Zusammen mit vier weiteren Mirage 5BA seiner Squadron war Marcel de Petter am besagten 8. Mai 1985 nach der Mittagspause an diesem Mittwoch in Bierset gestartet, zwei amerikanische F-4G Phantom „Wild Weasel“ gesellten sich für die geplante Mission hinzu. Die Mirage trugen jeweils zwei große Zusatztanks und hatten somit jeweils ca. 6.300 Liter Kerosin an Bord. Die Formation sollte mehrere belgische Hawk-Raketenstationen im östlichen Westfalen, wie Bad Driburg, Willebadessen und Brakel angreifen. Die Mirage de Petters verfügte über einen neuen Radar Warning Receiver, der dabei erstmals eingesetzt werden sollte. Die beiden „Wild Weasel“ hätten die Radargeräte ausgeschaltet, die fünf Mirage 5 sollten die Hawk-Stellungen angreifen.

Der Fünfer-Schwarm Mirage 5 war auf dem Weg von Bierset bei Lüttich über Hopsten in den Kasseler Raum als in der Nähe des Fliegerhorstes Hopsten die Probleme mit dem Triebwerk einsetzten. In den nächsten sieben Minuten beobachtete de Petter den unregelmäßigen Schub seines Jagdbombers. Über dem östlichen Münsterland begann plötzlich eine große Anzahl roter Pannenlämpchen zu leuchten. Westlich von RAF Gütersloh funkte de Petter Gütersloh an und erklärte einen Notfall, er bekam sofort eine Landeerlaubnis. Zusammen mit seinem Rottenflieger in der BA48 blieb er schließlich hinter der Formation zurück.

Die Mirage 5 hatte nur einen Martin-Baker 0/90 Schleudersitz, benötigte also für einen sicheren Ausschuss mindestens 90 Knoten Vorwärtsgeschwindigkeit. In einer Höhe von 1000 Fuß mit nur noch etwa 200 Knoten Geschwindigkeit über Grund schossen de Petter viele Gedanken durch den Kopf, aber einer blieb: „Martin, get me out of here!“ Damit meinte er den Schleudersitz-Hersteller Martin-Baker, der hier die letzte Rettung zu sein schien. Er meldete dem Gütersloher Tower, dass er aussteigen würde. Weil er sah, dass er über unbewohntem Gebiet befand, warf de Petter die beiden 1.700 Liter fassenden Zusatztanks ab.

© Marcel de Petter Absturzstelle BA19 Mirage 5BA 3Wing, 8Smd, Lette (08.05.1985) Man sieht an der Aufschlagstelle die beiden Abdrücke der Zusatztank-Pylone, die Tanks selber waren auf unbewohntem Gebiet vom Piloten de Petter abgeworfen worden. Das Crash Rescue Vehicle vom Typ Landrover, die Nummer 1 der RAF Gütersloh Feuerwehr, parkt links im Bild.

Schließlich zog er den Auslöser für den Schleudersitz. Der Ausschuss klappte problemlos, die Maschine flog noch einige Kilometer weiter, bevor sie auf der Kreisstraße 2 aufprallte, durch eine Hecke rutschte, mit der rechten Tragfläche eine ausgewachsene Pappel fällte, die dann umkippte, sich schließlich überschlug und auf einem Acker auseinander brach. Es gab einen kurzen Feuerball, der Sekunden später verschwand und eine dunkle Rauchwolke zur Folge hatte, die minutenlang über der Unfallstelle stand. Sein Kamerad in der BA48 umkreiste die Absturzstelle und landete nach einiger Zeit in RAF Gütersloh. Zusammen mit de Petter flog dieser noch am selben Tag zurück nach Belgien, kam am nächsten Tag aber mit einer Hercules zurück, um seine Mirage 5 abzuholen.

Nur wenige Sekunden vor oder nach dem Aufprall der Maschine, das ließ sich nicht mehr genau rekonstruieren, fuhr wenigstens ein Auto genau an der Stelle über die Kreisstraße und war somit einem schweren Unglück nur knapp entgangen. Nur einige hundert Meter entfernt standen Landwirt Karl Meier Hombrink und in entgegengesetzter Richtung sein Sohn Karl-Heinz Hombrink, die gerade auf dem Feld ihre Arbeit verrichteten. Karl-Heinz Hombrink stand so dicht an der Brandstelle, dass er die Wärme des kurzen Feuers spüren konnte, als das letzte Kerosin verbrannte.

De Petter kam über einem Waldstück runter und blieb an seinen Fallschirmleinen in einer ca. 15 Meter hohen Kiefer hängen. Das zur typischen Notausrüstung gehörende Schlauchboot zog den Piloten in seiner misslichen Lage mit seinem Eigengewicht leicht nach vorne. Ein Lösen des Fallschirms in der Höhe war undenkbar, es hätte den Sturz auf den Waldboden und sicheren Tod bedeutet. Ein umgehend in Gütersloh aufgestiegener Puma der 230.Sqn. angelte Commandant Marcel de Petter schließlich mittels einer Winde aus dem Baum und setzte ihn auf einem Feld ab. Zuvor hatte man einen Rettungsversuch mit einem Chinook abgebrochen, aufgrund des starken Downwashs der beiden Rotoren schaukelte der Pilot im Baum hängend von einer Seite zur anderen. Der Chinook der 18.Sqn. landete schließlich mit ca. 20 Soldaten, die zusammen die Absturzstelle in verschiedene Richtungen von der Öffentlichkeit abriegelten. Zu den Zeugen des Absturzes gehören die Eheleute Wienstroer, Hoff und Kisse. Familie Hoff sah die Fallschirm-Landung des belgischen Piloten aus nächster Nähe direkt von ihrem abgelegenen Wohnhaus aus.

Marcel de Petter begann im Alter von 19 Jahren auf der SF.260MB seine fliegerische Karriere, flog danach die CM.170 Magister und schließlich die T-33A. Die nächsten 18 Jahre verbrachte er bis 1991 auf der Mirage 5BA und flog 3.200 Flugstunden und musste sich dabei in Belgien von nur einem Mirage-Piloten mit über 4.000 Stunden geschlagen geben. Im Jahr 1991 wechselte Commandant de Petter zum 15Wing in Brüssel-Melsbroek auf die C-130H Hercules und war unter anderem auch an gefährlichen Auslandseinsätzen in Kenia, Somalia und Ruanda im Einsatz. Den Transporter flog er für fünf weitere Jahre.

De Petter war Mitte der achtziger Jahre einer von ca. 12 Flying Instructors bei der als Operational Conversion Unit dienenden 8Smaldeel des 3Wing in Bierset und galt als Chief Instructor als besonders erfahren. Die andere Hälfte der Staffel fungierte zu der Zeit praktisch als Einsatzkomponente in der Gefechtsfeldabriegelung und für den Bodenangriff.

Nur einige Monate später hatte de Petter mit der Mirage eine zweite schwierige Situation zu bewältigen. Zusammen mit einem Flugschüler landete er bei starkem Seitenwind in der BD07, als die Radsteuerung aussetzte, der Bremsschirm wegen dem Wind nahezu wirkungslos war und die Mirage schließlich von der Bahn abkam. Das rechte Hauptrad brach und der Trainer kam beschädigt zum Halt, konnte aber später wieder fliegen. Genau diese Mirage 5BD stürzte schließlich im November 1987 ab und war damit als Totalverlust abzuschreiben, als Folge des offensichtlich nicht ganz ordnungsgemäß reparierten Schadens.

Mehr als einmal besuchte der belgische Kronprinz Philippe das 3Wing und die 8Smaldeel in Bierset. Dabei lernte er auch de Petter kennen. Der Prinz strebte eine Kampfpilotausbildung an und machte im Oktober 1982 schließlich einen Soloflug auf einer Mirage 5BA, es war genau die BA19, mit der Petter später verunglücken sollte. Bei einem späteren Gespräch zwischen den beiden zeigte sich Phillppe allerdings erfreut, dass der Commandant das Unglück überlebt hat, auch wenn er seine Soloflug-Maschine nicht sehr gut behandelt hatte.

Der ehemalige Kreisbrandmeister Josef Roggenkemper und sein damaliger Stellvertreter Karl-Ludwig Hoer waren ebenfalls heute wie damals vor Ort, wie auch der Sohn des damaligen Landwirts Karl Meier Hombrink, Karl-Heinz, auf dessen Acker die Mirage schließlich auseinanderbrach und ausbrannte. Jeder einzelne Beteiligte konnte wichtige Informationen beitragen, die de Petter und viele der anderen noch nicht gehört hatten und die ihnen zum Teil völlig unbekannt waren. Die Stimmung während des mehrstündigen Treffens war außerordentlich positiv, es wurde viel gelacht, trotz und vermutlich auch wegen des doch eher ernsten Hintergrunds des Besuches der Belgier in Deutschland.

Nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken bekam Marcel de Petter eines der beiden Pitotrohre zurück, die vor dem Cockpit der Mirage 5BA BA19 angebracht waren, als Geschenk verpackt und achtundzwanzigeinhalb Jahre nach dem Absturz! Sichtlich gerührt nahm er das Überbleibsel seiner Maschine an. Es ergänzt die Sammlung an Instrumenten, die der Pilot mittlerweile zusammengetragen und in das Original-Instrumentenbrett der BA19 eingebaut hat. Dieses übergab die belgische Luftwaffe ihm nach dem Unglück. Auch steht „sein“ benutzter Schleudersitz im Büro seines Arbeitgebers. Das Pitotrohr fand der Autor zwei Tage nach dem Absturz, damals noch ein sechzehnjähriger Schüler und Spotter, an der Unfallstelle. Es war den tagelangen Durchsuchungen der Felder, Wiesen und Knicks in der Nähe der Unfallstelle durch die belgischen, deutschen und britischen Soldaten der Sicherheitskräfte scheinbar entgangen. Auch Jahre später fand Landwirt Hombrink allerdings noch Metallteile jeder Art, die von der Mirage stammten. Das Pitotrohr ist somit nach fast drei Jahrzehnten wieder dort, wo es hingehört, in Belgien bei dem Luftfahrzeugführer, der die Maschine als letzter flog!

Als Ursache des Absturzes wurde schließlich durch die belgische Unfallkommission eine nicht ordnungsgemäß installierte Schaufel im Verdichter festgestellt. Diese berührte den Rand des Triebwerksinneren und verursachte eine Kettenreaktion im Triebwerk, die den sofortigen Schubverlust zur Folge hatte. Das die Turbine allerdings überhaupt so lange gehalten hatte, ist allerdings bemerkenswert. Commandant de Petter wollte nach dem Unglück schnellstmöglich wieder fliegen. Sein Kommandeur bot ihm an, den ersten Flug in einer zweisitzigen Mirage 5BD zu machen, dieser lehnte jedoch ab, da er einen Einsitzer bevorzugte. So wurde der ganze Flugplatz Bierset Zeuge, als de Petter am Montag nach dem Absturz mit seiner Mirage auf die Startbahn rollte. Jeder sonstige Flugverkehr war eingestellt worden, die gesamte Basis schaute zu. Wenige Sekunden später schob er den Schubhebel nach vorne, bis in die Nachbrennerkerbe. Er hatte es geschafft den Geist der Vergangenheit zu besiegen, die Maschine rollte, Sekunden später war de Petter in der Luft. Bis zum Jahr 1991 flog er noch viele Hundert Stunden auf der Mirage 5 bis er schließlich auf die Lockheed Hercules wechselte und weitere gut 3.000 Stunden auf dem Muster verbrachte.

Von der Firma Martin-Baker erhielt Marcel de Petter schließlich eine Urkunde für seinen erfolgreichen Ausschuss mit einem Schleudersitz der Firma. Diese bekommen alle Piloten, die einen solchen Ausschuss um wenigstens mehr als 24 Stunden überleben.

Marcel de Petter hatte an diesem 8. Mai 1985 das Glück, er überlebte den Absturz. Während seiner Dienstzeit bei der belgischen Luftwaffe musste de Petter von nicht weniger als 43 bei Flugunfällen getöteten engen Fliegerkameraden und Freunden in der vergleichsweise kleinen und familiären belgischen Luftwaffe Abschied nehmen.

Zeitungsartikel aus »Die Glocke« vom 9./ 10.11.2013

Fotos

© Marcel de Petter BA19 Mirage 5BA 3Wing, 8Smd, Lette (08.05.1985) Hier sieht man die Reste des vorderen Rumpfes der Mirage 5BA, die am 8. Mai 1985 bei Lette abstürzte. Der Pilot konnte sich glücklicherweise mit dem Schleudersitz retten.

© Marcel de Petter Absturzstelle BA19 Mirage 5BA 3Wing, 8Smd, Lette (08.05.1985) Diese Pappel wurde von der linken Tragfläche der Mirage 5 glatt durchgesägt und kippte um. Das Flugzeug zerbarst in einer kurzen Explosion auf dem Acker im Vordergrund.

© Christian Hölscher Cockpit-Haube der BA19 Mirage 5BA, Lette (08.05.1985) Das Cockpitdach der Mirage fand man unweit der Absprungstelle des Piloten auf einem Acker. Marcel de Petter betätigte den Schleudersitz in einer Höhe von höchstens 1.000 Fuß bei nur 200 Knoten Geschwindigkeit.

© Marcel de Petter BA19 Mirage 5BA 3Wing, 8Smd, Lette (08.05.1985) Triebwerksteile und das Leitwerk der Mirage lassen sich eindeutig erkennen. Die BA19 wurde unter anderem von "blaublütigen" Piloten benutzt, der heutige König Philippe von Belgien führte seinen ersten Soloflug auf der Maschine durch!

© Marcel de Petter BA19 Mirage 5BA 3Wing, 8Smd, Lette (08.05.1985) Der Pilot Commandant Marcel de Petter wollte seine defekte Mirage 5 an dem Tage noch in Gütersloh notlanden, schaffte es jedoch nicht mehr. Man erkennt hier sehr gut den Aufprallpunkt der führerlosen Maschine auf der Kreisstraße K2. Der Jagdbomber rutschte anschließend durch eine Baumhecke und zerlegte sich auf einem Acker. Im Hintergrund sieht man einen Chinook der 18Sqn, vermutlich "BX". Weitere Helis an der Absturzstelle waren zu unterschiedlichen Zeiten vier Puma der 230Sqn, der Bo-105 "Christoph 13", ein Bo-105 der Polizei NRW sowie drei UH-1D des HTG 64 und abends noch eine belgische Alouette II.

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