From Die Geschichte des Flugplatz Gütersloh

Squadrons: EDUOHarrier

Der Harrier GR3 im täglichen Einsatz

Autor: Marcus Herbote

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Im Verteidigungsfall hätten die Harrier von den Randgebieten der Städte operiert, im Frieden wurden die Einsätze überwiegend in ländlicher Umgebung durchgeführt, um die Bevölkerung nicht unnötig zu belasten. Jede der beiden Squadrons hatte drei "Wartime-Bases", die fest standen und innerhalb der Einheiten nur wenigen bekannt waren. Um diese geheimen Plätze dem Gegner nicht zu verraten, operierten die Harrier zwei- bis dreimal im Jahr zu Übungszwecken von anderen Feld- oder Ausweichplätzen aus. So flogen die Gütersloher Staffeln unter anderem 1982 vom Truppenübungsplatz Bergen-Hohne aus, im Mai 1983 lagen sie im Kreis Warendorf zwischen Diestedde und Wadersloh und im Jahr 1984 an der Landstraße L 793 bei Everswinkel, ebenfalls im Kreis Warendorf. Desöfteren wurden auch Autobahn-Abschnitte für Übungen und Manöver genutzt - wenn das auch für die Gütersloher Harrier nur einmalig war - wie während des Herbstmanövers Cold Fire 1985 auf der Autobahn A33 bei Paderborn.

© Wieland Stolze XW768/O Harrier GR3 4Sqn, A33 bei Paderborn (Oktober 1985) Heute sind derartige Übungen aufgrund der veränderten Verteidigungslage völlig undenkbar, mal ganz abgesehen vom Verkehrsaufkommen auf deutschen Autobahnen.

Der Harrier wäre im Ernstfall von festen Oberflächen wie Parkplätzen gestartet und gelandet, hat aber auch den Einsatz von befestigten Notpisten im Manöver oft erfolgreich durchgeführt. Diese wurden durch die Royal Engineers in ca. zwei Tagen aus schnell zu verlegenden Aluminiumplanken gebildet. Die Landeflächen hatten eine Größe von 21 x 21 m, eine Startpiste war 231 m lang. Diese Startpisten wurden benötigt, da die Harrier GR3 und T4 nicht mit voller Zuladung starten konnten, nur durch die Schubkraft der vier Düsen und ein rechtzeitiges Umschwenken um 50 Grad kamen die Kampflugzeuge in die Luft. Besonders an heißen Tagen war es nicht einfach, einen Harrier mit einer entsprechenden Waffen- und Treibstoffzuladung in die Luft zu bringen.

Quelle: WDR/Bielefeld, TV-Mitschnitt OWL-Aktuell via HaPe33378 - Neben der Landstraße L793 bei Warendorf hat die 4Sqn der RAF Gütersloh einen Feldflugplatz während des Manövers „Lionheart 1984 zu Übungszwecken angelegt. Start- und Landebahn für die Harrier GR3 ist die abgesperrte Landstraße.

© Markus Biene unbek. Harrier GR1 20Sqn, Rüthen-Eringerfeld (ca. 1973/74) Auch als die drei Harrier-Einheiten noch in Wildenrath lagen verlegten sie regelmäßig in den ostwestfälischen Raum.

© Markus Biene unbek. Harrier GR1 20Sqn, Rüthen-Eringerfeld (ca. 1973/74) Von kleinen Zivil-Flugplätzen hätten die Senkrechtstarter im Ernstfall auch operiert.


© Wilfried Zetsche

Weitere Ausweichmöglichkeiten wären im Verteidigungsfall Plätze an Fabriken, Sportanlagen, Parkplätze an größeren Supermärkten sowie Waldgebiete, Autobahnraststätten oder Stellungen in der Nähe einer Autobahn gewesen. Jede Squadron wurde im Verteidigungs- oder Manöverfall auf drei Stellungen aufgeteilt, jede von einem Squadron Leader angeführt. Das Kommando über die Harrier-Force und die Unterstützungsverbände hatte das Forward Wing Operations Centre, von dort hielt der Kommandant der RAF-Basis Gütersloh, ein Group Captain, alle Fäden in der Hand. Ground Crews würden dann in sogenannte Operational Turn Round Teams eingeteilt, von denen immer ein Team für zwei Harrier zuständig war und sich unter dem Befehl eines Senior NCO befand. Bei der Neubewaffnung und Betankung eines Harrier durch die Wartungsmannschaften musste der Pilot nicht das Cockpit verlassen und die Maschine war bereits nach einigen Minuten wieder startklar. Pro Tag konnte ein einziger Pilot mit seinem Harrier bis zu acht Einsätze durchführen, die Wege bis zum Kampfschauplatz wären in der Regel nie weit gewesen und hätten nur weniger Minuten Flugzeit bedürft.


© W. Zetsche

Die Hauptwaffe der RAF Germany Harrier war die 227 kg Hunting BL.755 Streubombe, von der im Normalfall drei –eine an der Unterrumpfstation, zwei unter den Tragflächen – mitgeführt werden konnten. Außerdem konnten 454 kg Eisenbomben getragen werden, an den inneren Unterflügelpylonen befanden sich fast ausnahmslos die typischen 455 Liter Abwurftanks. Die BL.755 wurde bei gepanzerten Zielen bevorzugt getragen, nach dem Abwurf der Bombe wurden bis zu 147 Kleinbomben in einem ovalen Muster ausgestreut. Zur Abstandszielbekämpfung verwendeten die Harrier Squadrons in der Bundesrepublik die Matra 155 Raketenbehälter mit 19 SNEB Luft-Boden-Raketen vom Kaliber 68 mm. Nur sehr selten konnten lasergelenkte Bomben während der späten achtziger Jahre bei der 3. und 4.Sqn. in Gütersloh beobachtet werden.

Selbstschutz erfolgte bei den Harrier-Verbänden überwiegend durch eine hohe Geschwindigkeit im Tiefstflug, wobei die geringe Größe des Harrier GR3 diese Wirkung noch unterstützte. Zusätzlich waren die Maschinen mit E- bis J-Band-Radarwarnempfängern ausgerüstet und trugen außerdem die beiden obligatorischen 30 mm Aden- Kanonenbehälter unter dem Rumpf. Diese konnten zur Bekämpfung von Bodenzielen und zur Selbstverteidigung eingesetzt werden. Ferner konnten die beiden äußeren Unterflügelstationen mit Phimat Düppelwerfern oder AIM-9G, später L, Sidewinder ausgestattet werden.

Eine oder mehrere Maschinen einer Formation konnten mit nur einer Bombe bewaffnet als sogenannte „Hornissen“ mit Phimat oder Sidewinder den Schutz des Angriffsverbandes übernehmen, der in der Regel aus vier bis acht Harrier GR3 bestand.


© W. Zetsche

Hatten alle drei Harrier-Einheiten der RAFG die Bodenangriffrolle in ihrem Aufgabenspektrum, so war die No.4.Sqn. insofern einzigartig, als dass sie bis zu 40 Prozent ihrer Kapazitäten in der taktischen Aufklärungsrolle versah und sich die restlichen 60 Prozent auf den Einsatz der BL.755 beschränkte. Die 70 mm F.95 Schrägkamera in der linken Nase konnte durch einen Aufklärungsbehälter unter dem Rumpf mit einer Palette von fünf Luftbildkameras ergänzt werden, davon vier mit einer Brennweite von 70 mm und eine mit 127 mm.

© Brian Gilmour unid. Harrier GR3 4Sqn, Senne (ca. 1986) Das Triebwerk des Harriers lief bei Senkrechtstart und -landung häufig auf Vollast. Von daher waren Triebswerksbrände nach dem Ansaugen von Fremdkörpern und nach Kabelbränden oder Rohrbrüchen regelmäßig. Hier sieht man den Ausbau des Triebwerks eines GR3 im Feld nach einem Brand.

Für taktische Aufklärungsflüge wurden die Harrier GR.3 der 4.Sqn. in der Regel als Einzelmaschinen eingesetzt, selten zu zweit. Da Eindringflüge in der Tiefe des Raums immer dem Jaguar oder Tornado vorbehalten blieben operierten die Harrier-Aufklärer im frontnahen Raum. Im Kriegsfall sollten diese Harrier ihre Missionen als mit zwei Streubomben bewaffnete Aufklärer fliegen, nach der Landung wurden die Filmkassetten durch die Soldaten der RIC (Reconnaissance Intelligence Centre) der 4Sqn sofort entnommen, um anschließend entwickelt und den Kommandobehörden zusammen mit dem visuellen Bericht des Piloten spätestens nach 45 Minuten übermittelt zu werden.

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