From Die Geschichte des Flugplatz Gütersloh

Squadrons: Raspberry Ripple in EDUO

Raspberry Ripple in Vollendung

Autoren: Marcus Herbote und Wilfried Zetsche, 2003

Zurück

Archiv W. Zetsche

Maschinen des Britischen Verteidigungsministeriums zu Besuch in Gütersloh

Zu den wohl seltensten Militärmaschinen, die man auf deutschem Boden zu sehen bekommt, gehören die Flugzeuge und Hubschrauber der britischen Test-, Versuchs- und Forschungseinheiten A+AEE (heute AT&E, Aircraft Test und Evaluation der QinetiQ), RAE (heute AT&E) und ETPS.

Verfügten diese Organisationen in den letzten Jahrzehnten noch über einige „exotische“ Typen in ihrem Bestand, gehören Maschinen wie Vickers Viscount, Armstrong-Whitworth Argosy und in Zukunft auch die Hawker Hunter der Vergangenheit an. Auf dem ehemaligen Royal Air Force Flugplatz in Gütersloh konnten derartige Flugzeuge bis 1993 häufig beobachtet werden.

Aircraft & Armament Evaluation Establishment (A&AEE)/heute AT&E


© W. Zetsche

Die Aufgabe der A+AEE liegt in der Durchführung unfangreicher Tests zur Zulassung sämtlicher Luftfahrzeuge, Lenkwaffen und Ausrüstungsgegenstände, die zum Dienst in den britischen Streitkräften (Royal Air Force, Royal Navy, Army) vorgesehen sind. Erst nach Abschluss dieser Erprobungen bekommen Flugzeuge und Hubschrauber die offizielle Zulassung zum Einsatz. Dazu verfügt die Organisation über eine Flying Division, in der die verschiedensten Luftfahrzeugtypen zur Verwendung kommen. Der Titel A&AEE wurde erst im Mai 1992 von Aircraft & Armament Experimental Establishment in Aircraft & Armament Evaluation Establishment geändert. Im April 1996 wurde die Organisation in die Defence Test & Evaluation Organisation (DTEO) integriert. Später erfolgte eine erneute Umbenennung in Defence Evaluation & Research Organisation (DERA).

Seit 1939 ist diese Einheit in Boscombe Down beheimatet, heute das Zentrum aller Versuchs- und Testeinheiten in Großbritannien.

Die interessanteste Maschine der A&AEE, die RAF Gütersloh einen Besuch abstattete war zweifellos die de Havilland Comet 4C XS235 „Canopus“. Diese Maschine besuchte mehrere Male den ostwestfälischen Flugplatz, einmal im Dezember 1980 und drei weitere Male im November und Dezember 1992, kurz vor Schließung der Basis als RAF-Flugplatz. „Canopus“ wurde ab Dezember 1963 hauptsächlich zu Test- und Verbindungsflügen eingesetzt und erst am 14.03.1997 als letzte fliegende Comet überhaupt außer Dienst gestellt. An diesem Tag absolvierte sie nach über 33 Jahren ihren letzten Testflug im Auftrag der A&AEE.

Weitaus häufiger war die Piper Navajo Chieftain ZF622 der A&AEE in Gütersloh zu sehen. Sie besuchte von 1988 bis 1992 mehr als zehnmal die Basis. Diese Maschine wurde fast ausschließlich für Verbindungsflüge eingesetzt. Drei weitere Flugzeuge dieses Typs werden von der RAE/DRA eingesetzt.

Eines der wenigen Kampfflugzeuge der A&AEE, die zu Besuch in Gütersloh waren, war der Jaguar GR.1 XX119, der im Februar 1985 den Fliegerhorst besuchte. Diese Maschine trug einen Tarnanstrich und nicht das heute übliche rot-weiß-blaue „Rapsberry Ripple Scheme“. Die A&AEE kann bei Bedarf auf aktive Maschinen der Streitkräfte zurückgreifen, sollten für notwendige Tests keine anderen Flugzeuge zur Verfügung stehen, so wie es bei dem Jaguar offensichtlich der Fall war.

Empire Test Pilots School (ETPS)


© A. Saal

Die 1943 in Boscombe Down gegründete ETPS gehört zu den wenigen Testpiloten-schulen auf der Welt und bildet seit jeher Piloten und Ingenieure für Test- und Forschungseinheiten in den Streitkräften, aber auch für die Industrie aus. Seitdem hat die ETPS mehr als 1000 Piloten ausgebildet, die Hälfte davon kam aus den verschiedensten Nationen. Seit 1976 fliegen alle Flugzeuge und Hubschrauber der Schule in dem dreifarbigen attraktiven Anstrich, wie ihn die RAE/DRA verwendet. Als eine der letzten Armstrong-Whitworth Argosy C.1, die Gütersloh besuchte kam die XR105 im Februar 1975 zu Besuch. Diese Maschine war vorher im Dienst des Air Transport Command der Royal Air Force und ging erst am 26. April 1971 an die Testpilotenschule. Tragischerweise kam die gesamte Besatzung der Argosy am 27.05.76 beim Absturz der Maschine in Boscombe Down ums Leben.

Viele Jahre später kam ein Jaguar T.2 der ETPS auf eine Stippvisite nach Gütersloh. Die Maschine XX830 war am 30.10.1992 nur für ein paar Stunden zu Besuch in Deutschland und zweifellos einer der Starbesucher des letzten Jahres der RAF in Ostwestfalen. Im selben Jahr, am 8. Juli, war einer der wenigen Hubschrauber der „Raspberry-Ripple-Einheiten“, Sea King Mk.4 ZG829 in Gütersloh. Nur drei Monate später stürzte die Maschine in Großbritannien ab und fing Feuer. Hubschrauber dieser Einheiten waren weitaus weniger in Deutschland zu sehen, dieser Sea King war vermutlich auf einem Trainingsflug.

Royal Aircraft Establishment/Defence Research Agency/heute AT&E

Die weitaus größte Anzahl von Maschinen im Auftrag des Britischen Verteidigungs-ministeriums brachte das Royal Aircraft Establishment (RAE) nach Gütersloh. Zu den Hauptaufgaben der RAE gehört die Forschung auf den verschiedensten Gebieten der Zivil- und Militärluftfahrt, insbesondere in den Bereichen Flugzeugavionik, Lenkwaffentechnik, Raumfahrt, etc. und befasst sich insbesondere mit der Sicherheit von Luftfahrtzeugen. Zusätzlich zu den RAE-Einrichtungen in Farnborough gab es Flugplätze in Bedford, Llanbedr und West Freugh. RAE Bedford verlegte am 25. März 1994 nach Boscombe Down und nach der Schließung von Farnborough als RAE-Testflugplatz liegt das Zentrum der späteren Defence Research Agency (heute Aircraft & Test Evaluation der QinetiQ) in Boscombe Down.

Die RAE verlegte in den achtziger Jahren wenigstens einmal pro Jahr einige ihrer Maschinen nach Gütersloh. Meistens waren dies Flugzeuge der Typen Vickers Varsity, Vickers Viscount, Hawker Hunter, English Electric Canberra und Douglas Dakota. Die Unterstützungsflüge mit Ersatzteilen und Wartungspersonal zu Beginn und zum Ende dieser Verlegungen, die meistens zwischen sieben und vierzehn Tage dauerten, wurden von Hawker Siddeley Andover, BAC 1-11, Hawker Siddeley 748 oder gar deHavilland Comet durchgeführt.


Archiv W. Zetsche



Eine der größten Verlegungen fand im Oktober des Jahres 1982 statt. So fanden insgesamt zwei Hunter T.7 (WV383 und XF321), eine Canberra B.6 (WK163) und die Dakota C.3 ZA947 im Zeitraum 4.- 26.10.den Weg nach Gütersloh. Unterstützt wurden die Besatzungen von einer BAC 1-11 (XX919) sowie der einzigen Comet 4 der RAE, der XV814. Beachtlich war, dass das Royal Aircraft Establishment für insgesamt drei Wochen seine Forschungs- und Erprobungsflüge von Gütersloh aus durchführte. Wie die Comet gehört auch BAC 1-11 XX919 heute nicht mehr zum Bestand der Test- und Erprobungsflotte, sie wurde vor einigen Jahren aus dem aktiven Dienst gezogen.


© W. Zetsche

Ein Jahr später kam die Varsity T.1 WL679, Viscount 838 XT661 und eine Hunter T.7 (WV383) auf die Basis. Die Übung dauerte vom 14.-31.Oktober und die Maschinen flogen dank des guten Wetters zahlreiche Einsätze. Als Transportmaschinen fungierten die Comet 4 XV814. In der letzten Woche des Monats gesellte sich die Dakota ZA947 zu den drei anderen Flugzeugen. Insgesamt fühlte man sich bei der Präsenz von derartig historischen Maschinen schon in die fünfziger und sechziger Jahre versetzt! Während ihrer jährlichen Besuche in Gütersloh flogen die verschiedenen Maschinen ein bis zwei unterschiedlich lange Missionen am Tag. Auch heute noch sind die genauen Hintergründe der durchgeführten Einsätze nicht bekannt.

Im Jahr 1984 verlegte die RAE die Viscount 838 XT661 und zwei Canberra (WK163 und WT327) nach Deutschland. Die Maschinen waren im Zeitraum 27.11. bis 6.12. in Gütersloh und wurden von BAC 1-11 XX105 und HS.748 XW750 unterstützt. Die beiden letzten Maschinen fliegen auch heute noch für die Air Test & Evaluation Unit in Boscombe Down. Die HS.748 ist seit nunmehr über 30 Jahren im Dienst der Erprobungsflotte und flog während ihrer gesamten Einsatzzeit ausschließlich in dieser Aufgabe.

Im Jahr danach kam es aus nicht bekannten Gründen zu keiner Verlegung von RAE-Maschinen nach Gütersloh. Oftmals operierten die Flugzeuge während ihrer Aufenthalte in Deutschland auch von den RAF-Stationen Brüggen, Laarbruch und Wildenrath aus, so wie es vermutlich auch im Jahr 1985 der Fall war.

1986 fand leider nur die einzige noch fliegende Vickers Varsity T.1 den Weg nach Gütersloh. Die beiden Kolbenmotoren der alten Maschine waren im Zeitraum 20.-31. Oktober mehrmals über Ostwestfalen zu hören. Ein Jahr später wurde nur die Varsity der RAE Farnborough nach Deutschland verlegt und flog vom 12.-20. Oktober zahlreiche Missionen. Einziger weiterer Besucher der RAE war die Buccaneer S.2B XW987 aus Farnborough, diese Maschine machte am 16.10.87 einen kurzen Tankstop. Es war das einzige Mal überhaupt, dass die „Bucc“ der RAE in Gütersloh zu sehen war.

1988 begann die Verlegung von Maschinen der RAE erst im November. Diesmal fand lediglich Viscount XT661 den Weg nach Deutschland. Die Maschine flog im Zeitraum 16.-24.11. mehrere Einsätze. Die Verbindungsflüge am 16. und 24.11. wurden von der BAC1-11 ZE433 der RAE aus Bedford geflogen, denn auch die Viscount gehörte damals zu diesem Teil der RAE.


© M. Herbote

In den nächsten Jahren fanden die Maschinen des britischen Verteidigungs-Ministeriums leider nur noch sporadisch den Weg nach Gütersloh. Bemerkenswert war der seltene Besuch der einzigen fliegenden Hercules W.2 der Meteorological Research Flight der DRA Franborough am 31. Januar 1990. Die Maschine landete bei leichtem Sonnenschein und verschwand nach kurzer Zeit genauso unauffällig, wie sie gekommen war. Nachweislich war dies, das gilt zumindest für die 80er und 90er Jahre, der einzige Besuch der Hercules W.2 in Gütersloh.

Kurz vor Schließung des Flugplatzes Ende März 1993 kamen dann aber noch einige besonders großartige Maschinen nach Gütersloh. Am 30.10.1992 machte die Canberra B.6 XH568 der DRA Bedford auf einem ihrer seltenen Besuche in Deutschland einen Zwischenstop in Ostwestfalen. Diese Canberra stand in ihrer gesamten Dienstzeit bei der RRE und RAE im Einsatz. Sie wurde im Jahr 1955 in den Einsatz genommen und nahm unter anderem an Testflügen mit der Sea-Skua-Lenkwaffe teil. Die verlängerte Nase bekam das Flugzeug 1970 von einer Canberra B.2 (WG788), die zuvor für Lenkwaffentests verwendet worden war.

Im Dezember 1992 waren dann innerhalb von nur zwei Tagen, die beiden einzigen noch im militärischen Einsatz verbliebenen deHavilland Comet der Welt zu Besuch auf der Basis. Am 8.12.92 landete die XS235 der A&AEE in Ostwestfalen, einen Tag später konnte man dann die XV814 der DRA Farnborough sehen! In den vergangenen Jahren waren diese beiden Maschinen immer mal wieder in Gütersloh anzutreffen, man gewann den Eindruck, als verabschiedeten sich Ende 1992 beide Comet für alle Zeiten von RAF Gütersloh.

Leider haben alle fliegenden Einheiten der ETPS und DRA im Laufe der Zeit die älteren und historischen Flugzeugtypen ausgesondert. Maschinen wie die Viscount, Varsity, Hunter, Comet und Buccaneer fanden den Weg ins Museum oder aber, eine Tatsache, die in Großbritannien eher selten ist, sie wurden teilweise oder ganz verschrottet.

Zu den älteren Mustern der heutigen Air & Test Evaluation Unit und ETPS gehören unter anderem vier BAC 1-11, eine HS.748, drei Andover C.1 (von denen steht eine als C.1 (PR) für „Open Skies“-Einsätze im Dienst), eine N.A. Havard sowie ein Harrier T.4 der ersten Generation dieses Musters. Zusätzlich verfügt die ETPS noch über eine flugfähige zweimotorige Beagle Basset CC.1 (XS743).


Archiv W. Zetsche

Von den historischen Testflotten der achtziger Jahre ist leider nur noch wenig übrig geblieben. In den letzten Jahren sind die älteren Muster nach und nach aus dem Dienst gezogen worden. Aber selbst Anfang 1992 gab es noch zahlreiche ältere Maschinen im Einsatz bei A&AEE, ETPS und den RAE/DRA-Verbänden in Farnborough, Bedford, Llanbedr und West Freugh. Dazu gehörten unter anderem fünf Hawker Siddeley Buccaneer, neun BAC Canberra, vier BAC 1-11, eine Douglas Dakota, zwei deHavilland Comet, zwei deHavilland Devon, vier Hawker Siddeley Andover, zwei North American Havard, fünf Hawker Hunter, zwei Hawker Siddeley Sea Vixen, zwei Gloster Meteor, zwei Vickers Viscount, eine Jet Provost, zwei Westland Scout und zwei Westland Wessex.

Diese überwiegend aus britischer Produktion stammenden Flugzeuge und Hubschrauber zeigen sehr eindringlich einen interessanten Überblick der Qualität und des Ideenreichtums der britischen Luftfahrtindustrie in der Nachkriegszeit.

Und gewiss haben viele dieser Maschinen in dem einen oder anderen Bereich Luftfahrtgeschichte geschrieben, sei es in unzähligen Forschungs- oder Testflügen, bei der Ausbildung von Testpiloten oder aber einfach durch die schier unermüdliche Zuverlässigkeit und Robustheit ihrer Konstruktion.

Fotos (groß) Raspberry Ripple in Gütersloh

Zurück

Kommentar hinterlassen

blog comments powered by Disqus

psychonaut schrieb am 01.03.2007 um 21:57 Uhr

klasse bericht, klasse fotos! habe selber bis auf die varsitiy, die comet und die viscount scheinbar alles verpasst.

Retrieved from http://sg-etuo.de/Squadrons/EDUORR
Page last modified on 24.07.2014, 09:49